Diskussionsbeitrag für die Konferenz der Marx-Engels-Stifung Wuppertal:
Israel, die Palästinenser und die deutsche Linke
13./14.Oktober 2001
Wie Kino in Israel und Palästina Oslo spiegelt
Seit Daniel
Wachsmanns Film Hamsin
(Israel, 1982) und Michel Khleifis Hochzeit in Galiläa
(Belgien/Palästina, 1987) werden israelisches und palästinensisches Kino im
Westen wahrgenommen. Beide Filme brechen, im Kontext ihrer jeweiligen
Gesellschaft, mit den bisher gekannten politischen Auseinandersetzungen im
Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts: Hamsin thematisiert
als erster israelischer Film die Diskriminierung der palästinensischen
Bevölkerung innerhalb Israels, Hochzeit in Galiläa gilt als der erste
palästinensische Film, der nicht nur die israelische Besatzung sondern auch die
partiarchalen Strukturen innerhalb der eigenen Gesellschaft angreift[1].
In der Tat hat das
Kino in den 80er und frühen 90er Jahren einen Beitrag zum Umdenken geleistet.
Wie jedoch sah dieser Beitrag aus? Auf was für eine Art von Frieden steuerten
die Filmschaffenden zu?
Die israelische
Libanoninvasion 1982 hat nicht nur eine politische Anti-Kriegsbewegung
hervorgebracht, sondern auch zu einer oppositionellen Kunst geführt. Krieg,
Besatzung und der israelisch-arabische/palästinensische Konflikt wurden wichtige
Inhalte der israelischen Spielfilme der 80er. Dazu gehören Produktionen wie der
bereits erwähnte Film Hamsin von Daniel Wachsmann (1982), Behind
Bars von Uri Barabash (1984), A Fictious Marriage von Haim Bouzaglo
(1989) u.a., die sich mit der Besatzung befassen sowie Time For Cherries,
ebenfalls von Haim Bouzaglo, und Cup Final von Eran Riklis (beide 1991)
über den Libanonkrieg. Obwohl all diese Filme Stellung gegen die Besatzung und
den Krieg beziehen, gelingt es ihnen nicht, sich mit deren Auswirkungen auf die
palästinensische, bzw. libanesische Bevölkerung auseinanderzusetzen. Die einzige
Ausnahme bildet der Film Avanti Popolo von Rafi Bukae (1986), dessen
Handlung direkt nach der Feuerpause des Junikrieges 1967 im Sinai spielt.
Hauptpersonen sind zwei ägyptische Soldaten, die auf der Suche nach dem Heimweg
halb verdurstet durch die Wüste irren. Hierbei geraten sie in diverse groteske
Situationen, die die Absurdität eines jeden Krieges verdeutlichen.
Durch die
"palästinensische Welle" hat es quasi eine Umkehrung in der Darstellung der
PalästinenserInnen/AraberInnen im israelischen Kino gegeben. Im Gegensatz zu den
Darstellungen als anonyme Masse oder als häßliche und bedrohliche Fratze im
nationalistischen Kino der 50er und
60er jahre[2], waren sie nun außerordentlich schöne und
"gute" Persönlichkeiten. Viele der Filme beinhalteten eine Liebesgeschichte
zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser - in der Regel mit tragischem
Ausgang[3]. Dies ermöglicht dem Publikum zwar eine
Identifikation mit dem Schicksal des Helden, jedoch nicht mit dem
grundsätzlichen Leiden der von Israel unterdrückten Bevölkerung. So bewegt sich
das politische Kino der 80er Jahre - auch wenn es ironisch mit den Symbolen der
frühen mythischen Filme bricht und damit die Hoffnung auf Auferstehung leugnet -
zwar innerhalb des zionistischen Konsenses, aber nimmt das erste Mal eine
oppositionelle Haltung ein. Eine der Ursachen hierfür ist in dem
Regierungswechsel von 1977 zu sehen. Der größte Teil der Filmschaffenden in
Israel gehören zum Establishment und damit in die Nähe der Arbeitspartei, die
bis Ende der 70er Jahre sämtliche israelischen Regierungen gestellt hat. Mit dem
Machtwechsel zugunsten Menachem Begins und seinem Likud, gab es für die
Filmschaffenden in ihrer doppelten Funktion - als Teil des Establishments und
als Kulturschaffende - das erste Mal einen äußeren Anlaß, eine oppositionelle
Haltung anzunehmen.
Haben die
israelischen Filmschaffenden der 80er Jahre ihren Beitrag zum Friedensprozeß
geleistet, ändern sich die Inhalte des Films in den 90ern erheblich. Wie der
größte Teil der Friedensbewegung, haben sich die meisten israelischen
FilmemacherInnen mit der Unterzeichnung der Prinzipienerklärung zwischen PLO und
Israel im September 1993 aus dieser politischen Arena verabschiedet. Sie hatten
das Gefühl, einen Erfolg erzielt zu haben und die Friedensbemühungen an die
Regierung, die wieder eine der Arbeiterpartei war, abgeben zu können.
Die überwiegende
Zahl der Filme der 90er Jahre behandelt innenpolitisch relevante Themen wie die
Situation der Mizrahim[4], Säkularismus und Orthodoxie, Einsamkeit,
sexuelle und physische Gewalt sowie Kommunikationslosigkeit in der Familie, die
Shoah, Drogen, AIDS etc. Diese Mißstände in der Gesellschaft zu thematisieren
wäre in früheren Jahren, als es noch galt, den Staat zu sichern und zu festigen,
undenkbar gewesen. Nicht nur von den Inhalten her, sondern auch künstlerisch
differenziert sich das israelische Kino seit den 90er Jahren immer mehr
aus.
Dass diese
Produktionen von den Filmschaffenden selbst nicht mehr als politisches Kino
bezeichnet werden, zeigt, wie müde sie sich vom Konflikt mit Palästina fühlen,
wie sehr sie für sich beanspruchen, sich mit sich selbst beschäftigen zu dürfen.
In der Tat gibt es drängende soziale Probleme innerhalb der jüdisch-israelischen
Gesellschaft. Fünfzig Jahre nach Staatsgründung verabschiedet sich die junge
Generation von den zionistischen Idealen ihrer Eltern und Großeltern, sie sucht
nach Normalität. Der Konflikt mit den PalästinenserInnen paßt nicht in ein
solches Bild. Der Frieden, für den sich so viele KünsterlerInnen in den 80er
Jahren engagiert haben, meinte einen Frieden mit sich selbst, Ruhe, nicht eine
gemeinsame Perspektive mit dem Feind, sondern seine Abwesenheit[5].
Durch die
Niederlage der arabischen Staaten im Juni-Krieg 1967 hat die noch junge PLO an
Bedeutung gewonnen. Die Erfahrung, dass die Solidarität mit dem
palästinensischen Volk von Seiten der arabischen Bruderstaaten mehr rhetorischer
denn politisch schlagkräftiger Natur war, hat der erst drei Jahre zuvor
gegründeten PLO einen enormen Zulauf verschafft.
Im Zuge dieser
Aufbruchstimmung ist das palästinensische Kino als ein Beitrag zur Befreiung
Palästinas in der Diaspora entstanden. „Das Bedürfnis nach Dokumentation dieses
Kampfes stand am Beginn der Filmproduktion, aber jede künstlerische Äußerung war
zugleich mehr als nur ein Notieren der Ereignisse, es war ein Behaupten und
Bewahren der nationalen Identität, für die die Existenz und Entwicklung einer
eigenen Kunst von entscheidender, stabilisierender Wirkung war. Neben der
Wirkung nach innen ging es in gleichem Maße um jene nach außen: Der politische
Kampf ist heute ohne Medien nicht denkbar. 1968, als eine Photo-Abteilung der
PLO gegründet wurde, stand im Programm: ‚Mit Bild und Film können wir unsere
Auffassung von der Revolution den Massen vortragen und die Kontinuität der
Revolution aufrecht erhalten.‘“[6]
Das erste und
vorrangige Interesse in den Anfangsjahren des palästinensischen Kinos war das
Dokumentieren des Leids der Bevölkerung in den Lagern, das Einfangen und Sammeln
von Informationen. Aus diesem Material wurden Wochenschauen und Dokumentarfilme
geschnitten.
Ein Anliegen der
Filmschaffenden war, das zerstreute palästinensische Volk zu "verbinden" und ihm
die Ziele des Kampfes gegen Israel zu erklären; darüber hinaus wollten
sie ein internationales Publikum erreichen und über die Situation des
palästinensischen Volkes informieren.
Bei der
Zerschlagung der PLO-Strukturen in Beirut während der israelischen
Libanoninvasion 1982 sind auch die Filmabteilungen und das Filmarchiv zu großen
Teilen vernichtet worden. In den
folgenden Jahren reduzierte die PLO ihre Filmproduktion erheblich und ging zu
Koproduktionen mit dem Westen über, in Tunis wurden die Filmabteilung und das
Archiv nicht wieder im alten Umfang aufgebaut.
Seit Beginn der
80er Jahre entwickelte sich aus dem europäischen und später auch aus dem
US-amerikanischen Exil eine andere Richtung des palästinensischen Films, der
unabhängige Film. Sein wohl bekanntester Vertreter ist der in Belgien lebende
Michel Khleifi, dessen Film Hochzeit in Galiläa (1987)[7] sowohl Khleifi selbst als auch dem
palästinensischen Kino zu seinem internationalen Durchbruch verholfen hat. Die
jungen Filmschaffenden haben sich in ihren Werken nicht nur gegen die Besatzung
durch Israel ausgesprochen, sondern Kritik an der eigenen nationalen Führung
geübt. In den Filmen wird nicht mehr ausschließlich die israelische Besatzung
Palästinas angeprangert, vielmehr eröffnet das unabhängige palästinensische Kino
die Diskussion darüber, welche repressiven Strukturen auch innerhalb der eigenen
Gesellschaft aufgebrochen werden müssen, um die Basis für einen demokratischen
Staat zu entwickeln.
Die doppelte
Unterdrückung der palästinensischen Frauen, durch die israelische Besatzung und
das palästinensische Patriarchat, ist dabei eine immer wiederkehrendes Thema
sowohl in Dokumentar- als auch in Spielfilmen. Anlaß hierzu gibt die
Vorstellung, daß eine Gesellschaft nur dann demokratisiert werden kann, wenn es
eine Demokratie innerhalb der Familie und somit zwischen den Geschlechtern
gibt.
Bis in die Mitte
der 90er Jahre haben nahezu alle unabhängigen palästinensischen Filmschaffenden
im europäischen oder us-amerikanischen Exil gelebt. Die Verhandlungen zwischen
der PLO und Israel und schließlich die Unterzeichnung der Osler Verträge hat bei
vielen von ihnen zunächst die Hoffnung ausgelöst, das kulturelle Leben
Palästinas mit Unterstützung der Autonomiebehörde reaktivieren zu können und
einige sind zurückgekehrt. Diese Vorstellung der Kooperation mit den Behörden
verdeutlicht die Aufbruchstimmung der frühen 90er Jahre. Politische Differenzen
mit der PLO waren jedoch ausschlaggebend für die Entstehung des unabhängigen
Kinos, so dass sich bald herausstellte, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich
war[8]. Dennoch ist durch diese Entwicklungen
Palästina selbst das Zentrum palästinensischen Filmschaffens geworden.
Annäherung und
Koproduktion ?
Durch den
israelischen Regierungswechsel 1977 ist eine Welle von Auswanderungen von linken
Israelis nach Europa und in die USA ausgelöst worden. Auf dem neutralen Grund
der neuen Gastländer, in denen auch viele PalästinenserInnen im Exil leb(t)en
und mit der Moderation solidarischer Dritter, war eine Annäherung und
Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen wesentlich einfacher als in
Israel/Palästina. So entstanden neben politischen auch kulturelle Treffen und
Kooperationen; das Filmfestival in Mompellier hat es sogar als erstes geschafft,
nicht nur israelische und palästinensische, sondern auch VertreterInnen der
anderen arabischen Kinos auf ein Podium zu bringen. In Israel/Palästina selbst
hat diese Entwicklung durch das Aufkommen der israelischen Friedensbewegung
Anfang der 80er Jahre und dann durch ihr Erstarken mit dem Beginn der Intifada
eingesetzt. In Kooperation mit
linken FilmemacherInnen konnten palästinensische Filmschaffende, wie z.B.
Rashid Mashrawi ihre ersten Kurzfilme in Israel/Palästina selbst
verwirklichen.
Seit den 90er
Jahren waren auch immer mehr palästinensische FilmemacherInnen damit
einverstanden, daß ihre Filme in den israelischen Cinematheken gezeigt wurden,
wo das Publikum in erster Linie aus liberalen Israelis und aus einigen
palästinensischen Intellektuellen besteht.
Die Euphorie, die
auch in Europa nach den Osloer Verträgen eingesetzt hat, hat zu verschiedenen
staatlichen und nichtstaatlichen Förderprogrammen für
israelisch-palästinensische Kooperationen geführt. Für die palästinensischen
Filmschaffenden ist dies nicht unbedingt ein Vorteil: sie sind nun gezwungen,
mit Israelis und europäischen PartnerInnen zu kooperieren, da es bisher keine
anderen Fördermöglichkeiten gibt. Viele kritische Drehbücher werden auf diesem
Weg zensiert, Europa und Israel hatten sich unter solidarischen Vorzeichen das
Monopol über die Definition von Kultur geschaffen.
Daher verwundert es
nicht, dass die Euphorie nicht lange hielt, die Filmpolitik steht exemplarisch
für die Machtverhältnisse auch in den anderen Lebensbereichen. Bereits gegen
Ende der 90er Jahre, mit wachsender Frustration und Mißtrauen gegenüber dem
sogenanten Friedensprozeß haben die meisten palästinensischen Filmschaffenden
nicht mehr versucht, diese Gelder abzurufen.
Die kurze Zeit der
gemeinsamen Arbeit war vor allem von Außen initiiert und meist von europäischen
Vorstellungen einer positiven Zukunft geprägt. Nicht nur die Vorstellung einer
friedlichen Zukunft sondern in erheblichem Maße die Finanzierung der eigenen
Arbeit waren Motivation für Kooperation. Ein Blick auf die Geschichte, die
inhalte und die Selbstdefinition der beiden nationalen Kinos von Israel und dem
zukünftigen Palästina macht jedoch deutlich, dass es um eine gemeinsame Zukunft
nie ging. Mehr als die Inhalte und Ästhetik der Filme spiegelt die Entwicklung
der jeweiligen „Filmindustrien“ die Realität m Sinne der Osloer Verträge.
Irit
Neidhardt
ist freie Kulturwissenschaftlerin. Sie konzipiert Filmreihen zum Themengebiet
Israel und Palästina, hält Seminare und verleiht Filme aus dem Nahen Osten. Irit
Neidhardt war Mitbegründerin und
Programmleiterin der Israelischen und Palästinensischen Filmtage Münster.
www.IritNeidhardt.de/
info@IritNeidhardt.de
[1] In seinem Dokumentarfilm Le memoir fertile (Eine Frau ein Land), in dem er die palästinensische feministische Schriftstellerin Sahar Khalifa und seine eigene Tante, eine gewöhnliche Frau, porträtiert, hat Michel Khleifi bereits 1982 das Thema der doppelten Unterdrückung aufgegriffen.
[2] Zu früheren Epochen des israelischen Kinos siehe Shohat, Ella: Israeli Cinema. East/West and the Politics of Representation, Austin/Texas 1989.
[3] Nach dem gleichen Prinzip der Liebesgeschichte funktionierten die Bourekas-Komödien der 60er und 70er Jahre - nur mit Happy End. Damals ging es um die Eingliederung der jüdischen Bevölkerung aus arabischen, bzw. islamischen Ländern in die sich westlich definierende zionistische Gemeinschaft. Die ashkenasische, europäisch stämmige, jüdische Frau verliebte sich in einen mizrahischen, arabisch-jüdischen, Mann und ermöglichte ihm durch die Beziehung einen gesellschaftlichen Aufstieg. Vergl. Shohat a.a.O.
[4] Jüdinnen und Juden, die aus arabischen und/oder islamischen Ländern eingewandert sind sowie die, die seit Jahrhunderten in Palästina gelebt haben und ihre Nachfahren.
[5] Heute gibt es noch eine starke politische Bewegung innerhalb der israelischen bildenden Kunst und Fotografie, die sich mit den Gründungsmythen des Staates und der Politik gegenüber den PalästinenserInnen befaßt und sehr stark von den Arbeiten der neuen HistorikerInnen beeinflußt ist.
[6] Richter, Rolf: Bewahrung nationaler Kultur, in: Sonntag, 14.6.1981
[7] Hochzeit in Galiläa ist der erste palästinensische Spielfilm, der vom Filmemacher selbst in Palästina/Israel gedreht werden konnte.
[8] Gespräche der Autorin mit Sobi al-Zobaidi sowie Mitarbeitern des Cinema Production & Distribution Centre Ramallah im Juli 1998.
[9] Der Film ist dem palästinensischen Schriftsteller und PFLP-Aktivisten Ghassan Kanafani gewidmet, der in den 70er Jahren in Beirut einem gezielten Bombenattentat zum Opfer gefallen ist. Mit seinem Buch Men in the Sun war er Anfang der 70er Jahre der erste palästinensische Literat, der den Mythos der arabischen Bruderliebe und Solidarität angegriffen hat.
[10] Insgesamt werden ca. 10 kurze Filme im Jahr produziert, von denen sich zwei bis drei mit innerpalästinensischen Themen befassen.