Visionen von
Palästina: Die palästinensische Gesellschaft im Spiegel ihres
Kinos
Irit
Neidhardt
23.1.2001
Die zweite Intifada,
die im September 2000 begann, ist mehr als nur ein Aufstand gegen die
israelische Besatzung, sie ist auch ein Aufbegehren gegen das Regime
Arafats. Große Teile der Bevölkerung in den West Bank und Gaza haben
sich von der Unterzeichnung der Osloer Verträge eine Erleichterung des
Alltags, politische Unabhängigkeit von Israel und eine bessere
ökonomische Situation erhofft. Außer für eine neue, kleine ökonomische
Elite haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Gerade im Bereich der
Sicherheitspolitik, die der empfindlichste Nerv der meisten Israelis
ist, hat sich die palästinensische Autonomieverwaltung verpflichtet,
mit den israelischen Behörden zusammen zu arbeiten. Innerhalb der
Bevölkerung ist das Mißtrauen gegenüber dem eigenen Regime dadurch in
den letzten Jahren gestiegen.
Auch wenn die PLO immer als einzige legitime Vertreterin des
palästinensischen Volkes galt, gibt es schon lange unterschiedliche
Visionen von Palästina. Ein nationales Kino ist immer ein Spiegel
seiner Gesellschaft; der Blick auf die Geschichte und das
Selbstverständnis des palästinensischen Kinos zeigt die
sozio-politischen Entwicklungen, die zur zweiten Intifada geführt
haben, auf und kann als eine Beschreibung des Ist-Zustandes der
Gesellschaft gesehen werden.
Die Assoziation an Palästina ist meist an das Territorium eines
zukünftigen Staates geknüpft. Palästina jedoch ist mehr. Palästina ist
seit langem auch eine Idee, bzw. ein Symbol für den Widerstand gegen
Vertreibung und Besatzung sowie für den Kampf um Selbstbestimmung.
Das palästinensische Kino ist entstanden als Kino des Widerstandes,
also als politisches Kino, als Diskussionsbeitrag zu der Frage, was
Palästina ist und wie die Selbstbestimmung gestaltet werden soll. Bis
in die 90er Jahre war es in erster Linie ein Kino des Exils,
entstanden in den arabischen Ländern außerhalb Palästinas. Erst in den
letzten acht Jahren entstehen die wichtigsten Filmproduktionen in
Palästina/Israel selbst.
Zur historischen Einordnung zunächst ein paar kurze Anmerkungen zum
arabischen Kino: Das nationale arabische Kino konnte sich erst nach
der Dekolonisation der arabischen Länder in den 50er und 60er Jahren
entwickeln. Bis dahin haben die Kolonialmächte den "Orient" als
exotische Kulisse für ihre eigenen Produktionen genutzt und damit auch
ganz bewußt zur Entfremdung von der Kultur in den Kolonien
beigetragen. Nach der formalen Unabhängigkeit wurden Filme zur
Dekolonialisierung der Kultur genutzt, jedoch ohne daß es eine eigene
arabische kineastische Bilderwelt und -sprache gab. Dennoch diente das
Filmschaffen u.a. als Katalysator der sich formierenden nationalen
Identität.
Zunächst in Algerien und später im palästinensischen Exil
(ent-)stand die Aneignung des Mediums Film in direktem Zusammenhang
mit dem Widerstand gegen die Besatzungsmacht. Film bot die
Möglichkeit, die eigene Geschichte und Situation darzustellen und zu
interpretieren. Die palästinensischen Filmschaffenden, die die
PLO-Filmabteilungen maßgeblich mit aufgebaut haben, arbeiteten
zunächst in der Filmbranche der verschiedenen arabischen Gastländer.
Dort konnten sie zwar technisch einiges lernen, ihre Inhalte waren
jedoch nicht gefragt.
Als Reaktion auf die Niederlage im Junikrieg 1967 wurde dann die
Fatah-Filmgruppe gegründet. Palästinensische AktivistInnen hatten
erkannt, welche Rolle Medien im Krieg spielen und haben sich
entschlossen auf die Wirkung des Films zu setzten. Die Filmschaffenden
in den verschiedenen Sektionen der PLO haben sich sowohl als Teil der
palästinensischen Widerstandsbewegung gesehen als sich auch in die
Entwicklung in den arabischen Ländern eingebettet gefühlt.
Das erste und vorrangige Interesse in den Anfangsjahren des
palästinensischen Kinos war das Dokumentieren des Leids der
Bevölkerung in den Lagern sowie das Einfangen und Sammeln von
Informationen. Aus diesem Material wurden Wochenschauen und
Dokumentarfilme geschnitten.
Es war den Filmschaffenden der PLO ein Anliegen, das zerstreute
palästinensische Volk zu "verbinden" und ihm die Ziele des Kampfes
gegen Israel zu erklären. Darüber hinaus wollten sie ein
internationales Publikum erreichen und über die Situation des
palästinensischen Volkes informieren.
Anfang der 70er Jahre gründete sich die Gruppe Palästinensischer
Film, die in ihrem Manifest die Aufgaben des palästinensischen
Kinos wie folgt zusammengetragen hat:
von PalästinenserInnen hergestellte Filme zu produzieren, die sich
in den arabischen Kontext eingliedern und von einem demokratischen und
fortschrittlichen Inhalt inspiriert sind; an der Entwicklung einer
neuen Ästhetik zu arbeiten; das Filmwesen in den Dienst der
palästinensischen Revolution und der arabischen Sache zu stellen; die
Filme so zu gestalten, daß sie die palästinensische Sache in der
ganzen Welt vertreten können; eine Filmothek zu gründen und die
Verbindung mit den Gruppen progressiver und revolutionärer
FilmschöpferInnen in der ganzen Welt zu vertiefen; im Namen Palästinas
an Filmfestivals teilzunehmen und die Arbeit aller befreundeten
Filmteams zu erleichtern, die an der Verwirklichung der Ziele einer
palästinensischen Revolution arbeiten.
Bedingt durch die Situation des Exils war und ist es vielen
Filmschaffenden nicht erlaubt, nach Israel und in die von ihm
besetzten Gebiete einzureisen, manche haben das Land nie betreten. Um
dennoch an das passende Bildmaterial zu kommen, haben die
RegisseurInnen ausländische Kamerateams engagiert und sie mit genauen
Anweisungen nach Palästina/Israel geschickt, der/die FilmemacherIn
selbst hat das Material dann bearbeitet; neben Palästina/Israel waren
vor allem die Flüchtlingslager in der arabischen Welt Drehorte.
Mit der Zerschlagung der PLO-Strukturen in Beirut während der
israelischen Libanoninvasion 1982 wurden auch die Filmabteilungen und
das Filmarchiv zu großen Teilen vernichtet; viele Filme sind nicht
mehr auffindbar. In den folgenden Jahren reduzierte die PLO ihre
Filmproduktion erheblich und ging zu Koproduktionen mit dem Westen
über, in Tunis wurden die Filmabteilung und das Archiv nicht wieder im
alten Umfang aufgebaut.
Ebenfalls Anfang der 80er Jahre entwickelte sich im europäischen
und später auch im us-amerikanischen Exil eine andere Richtung des
palästinensischen Films, der unabhängige Film. Sein wohl bekanntester
Vertreter ist der in Belgien lebende Michel Khleifi, dessen Film
Hochzeit in Galiläa (B/BRD/PAL 1987, 116 min) sowohl Khleifi
selbst als auch dem palästinensischen Kino zu internationalem
Durchbruch verholfen hat. Das neue an dem unabhängigen
palästinensischen Kino war, daß sich die Filmschaffenden in ihren
Werken nicht nur gegen die israelische Besatzung ausgesprochen sondern
auch Kritik an der eigenen nationalen Führung geübt haben. In der
Hochzeit in Galiliäa wird diese doppelte Kritik sehr deutlich,
der Film ist beinahe eine Komposition zweier Geschichten: Um die
Hochzeit seines Sohnes feiern zu können, bittet der Moukhtar eines
Dorfes den israelischen Gouverneur um die Aufhebung des
Versammlungsverbotes für diesen einen Tag. Dieser stimmt unter der
Bedingung zu, daß er und seine Offiziere als Ehrengäste eingeladen
werden. Die Übereinkunft zwischen dem Moukhtar und dem Gouverneur löst
innerhalb der Dorfgemeinschaft einen heftigen Disput über den Umgang
mit der Besatzungsmacht aus. Im zweiten Erzählstrang wird die Allmacht
des Moukhtar, des Patriarchen angegriffen, sowohl die Frauen und
Mädchen begehren auf, indem sie sich Freiheiten nehmen als auch die
jungen Männer, indem sie sich den Entscheidungen des Moukhtar
widersetzen. Das Kernthema dieses zweiten Erzählstranges ist die
Impotenz des Bräutigams, die sich als seine Weigerung, die Träume des
Vaters zu erfüllen entlarvt. Die Weigerung geht jedoch nicht soweit,
mit dem Vater, also der Tradition und der Herkunft, zu brechen.
Ebenso wie die PLO-Filmschaffenden, will Khleifi mit seinen Filmen
sowohl ein palästinensisches als auch ein internationales Publikum
erreichen. Andere, wenige palästinensische Filmschaffende im Westen
haben sich bewußt entschieden, Filme für ein westliches Publikum zu
produzieren. Sie nutzen das westliche Medium Film, um ihre politischen
Anliegen dem Teil der Welt mitzuteilen, in dem sie leben. Die beiden
bekanntesten VertreterInnen dieser Richtung, des experimentellen
palästinensischen Films, sind Mona Hatoum und Elia Suleiman, auf
dessen Chronik eines Verschwindens später eingegangen wird.
Bis in die Mitte der 90er Jahre haben nahezu alle unabhängigen
palästinensischen Filmschaffenden im europäischen oder
us-amerikanischen Exil gelebt. Die Verhandlungen zwischen der PLO und
Israel und schließlich die Unterzeichnung der Osler Verträge hat bei
vielen von ihnen zunächst die Hoffnung ausgelöst, das kulturelle Leben
Palästinas mit Unterstützung der Autonomiebehörde reaktivieren zu
können und einige sind zurückgekehrt. Manche haben sich sehr bald von
der Autonomiebehörde abgewandt, bzw. hat auch das Kultusministerium
einigen die Zusammenarbeit versagt.
Im folgenden werde ich vier Filme vorstellen, die alle in den 90er
Jahren von den derzeit bedeutendsten palästinensischen Filmschaffenden
gedreht worden: Die beiden Kurzfilme Children of Shatila von
May Masri und Ali, His Friends And Their Wishes von Sobhi
al-Zobaidi wurden im Auftrag der palästinensischen Autonomiebehörde
für das Millenniumsprogramm Bethlehem 2000 gedreht.
May Masri wurde 1959 in Amman/Jordanien geboren. Sie studierte Film
in San Francisco und arbeitet als Regisseurin, Kamerafrau und Cutterin
in London, Beirut und Philadelphia. Sie ist die bedeutendste
palästinensische Dokumentarfilmerin, die, vor allem in der arabischen
Welt, zahlreich für ihre Arbeiten ausgezeichnet wurde. In Children
of Shatila (PAL, 1999, 8 min) stellt Masri zwei Kinder vor, die in
dem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon leben. Shatila ist
eines der beiden Lager, in dem die christlichen Milizen im Libanon mit
Wissen der israelischen Armee während des Krieges ein Massaker
anrichteten. Der Film beginnt mit Bildern von Kindern, die aus Löchern
zerschossener Mauern schauen, sie spielen dort. Dann werden die
beengten und schmutzigen Straßen des Lagers gezeigt. Ein Junge läuft
ins Bild und führt die Zuschauenden in seine Wohnung, er heiß Issa und
lebt bei seinem Großvater mütterlicherseits. Der Vater sei einsam
gestorben, über die Mutter erfährt das Publikum nichts. Einem
Erwachsenen gleich wird Issa auf einem Stuhl sitzend und erzählend
gezeigt. Er berichtet vom Tod seines Vaters und daß alle im Lager zum
Gedenktag an die Toten auf den Friedhof gehen, um ihren Vätern und
Großvätern zu gedenken. Es folgen Bilder von einem folkloristischen
Fest. Farah, das Mädchen in dem Film stellt sich vor, während sie vor
dem Spiegel steht und sich bürstet. Dann sind sie und ihre Schwestern
am Kaffeetisch zu sehen, Farah erzählt von der Schwangerschaft ihrer
Mutter während der Belagerung von Shatila. Weiter geht es in
Children of Shatila um die Träume der Kinder und ihren Wunsch,
nach Palästina zurückzukehren. Die letzte Aufnahme von Issa zeigt sein
Gesicht, als er erzählt, daß er sich wünscht, "in das Land
zurückkehren zu dürfen, das uns gehört". Dabei reibt er sich die
Augen. Nach dem letzten Schnitt ist ein von Farah und ihren
FreundInnen gemeinsam gemaltes Bild zu sehen, es zeigt ihre Vision von
Palästina in grellen Farben, mit viel rosa, rot und gelb.
Ali, His Friends And Their Whishes (PAL, 1999, 7 min) von Sobhi
al-Zobeidi ist ebenfalls eine Dokumentation über Kinder im
Flüchtlingslager. Al-Zobeidi wurde 1964 im Flüchtlingslager Jalazone
bei Ramallah in der Westbank geboren, er studierte und lebte mehrere
Jahre in New York. Nach der Unterzeichnung der Prinzipienerklärung
zwischen PLO und israelischer Regierung, kehrte er 1994 nach Ramallah
in die Westbank zurück. Diesen Film drehte er
an seinem Geburtsort. Zu Beginn sind Kinderstimmen aus dem Off zu
hören, die einen Vers aufsagen, dann folgen Bilder von Bäumen und
Himmel; ein Wandbild auf dem Kinder ihre Vision von Palästina gemalt
haben und die steinige öde Umgebung des Camps.
Nach und nach erzählen Kinder und Jugendliche ihre Wünsche für das
kommende Jahr: daß die Armee sich zurückziehen soll, daß Autos fliegen
können, in der Schule gut abzuschneiden, geteerte Straßen im Lager und
einen Fußballplatz - wenn‘s geht mit Rasen. Der Rasen scheint eher
utopisch, daß sich die Gruppe von Jungen aber einen Platz zum spielen
selbst gestaltet, das geht. Sie schmeißen ihr Geld zusammen, fordern
von al-Zobeidi einen Zuschuß, kaufen einen Sack Zement und bauen so
etwas wie eine kleine Bühne oder eine sehr große Bank. Das soll der
Sitzplatz für ihren Freund Ali werden, der durch israelische
Gummigeschosse gelähmt ist. Manche der Kinder waren bei der Attacke
der Soldaten dabei und berichten, dann bauen sie aber sofort weiter an
ihrem neuen Platz aus Zement. Dort spielen und tanzen sie dann oder
Ali nimmt Platz und ist einfach dabei. Auf die Frage, was Ali sich für
das neue Jahr wünsche, antwortet er, daß er wieder gesund werden wolle
und zurück in die Schule möchte. Zu aller letzt sagt einer der Jungen
zum Filmemacher, daß sie jetzt den Rasen haben wollen, die Kamera
schwenkt ab in den Himmel. Die Filmmusik ist arabischer Hipp Hopp, zu
dem die Jungen zwischendurch tanzen; die Kameraführung ist unruhig und
erinnert an einen Videoclip.
Die Kinder und Jugendlichen in Ali, His Friends And Their
Whishes nutzen al-Zobeidis Kamera, um ihre Wünsche und ihre
Forderungen an Erwachsene zu äußern, manche Wünsche können sie sich
sogar selbst erfüllen.
Die Form der Interviews sowie die Inhalte der in der
Post-Produktion ausgewählten Gespräche in Children of Shatila
machen die Kinder zu kleinen Erwachsenen. Der Film will zeigen, daß
ihnen die Kindheit durch die politische Situation - die Besatzung und
Verwehrung der Rückkehr - verwehrt wird. Gleichzeitig erwecken die
Kameraführung und die Gespräche, also die Präsentation der Kinder,
jedoch den Eindruck, daß sie schwermütig gemacht werden, um die
politische Aussage von Masri zu unterstreichen. In der Tradition der
Anfangsjahre des palästinensischen Kinos wird das Leid der Kinder in
den Lagern eingefangen, um die Welt über das Schicksal der Flüchtlinge
zu informieren. Die Kinder erzählen ihre Geschichte, zu der die
Vertreibung der Großeltern aus Palästina gehört, sie äußern auch den
Wunsch, in ihr Land zurückzukehren, verharren dabei jedoch vollkommen
im Opferstatus.
Der Spielfilm Haifa (PAL/NL 1996, 75 min) von Rashid
Mashrawi spielt in den Tagen um die Unterzeichnung der
Prinzipienerklärung zwischen der PLO und Israel im September 1993. Im
Mittelpunkt der filmischen Erzählung steht die Familie Abu Saids.
Während die konservativen und resignierten Eltern sich baldigen
Frieden und ein gesittetes Leben für ihre Kinder erhoffen,
hinterfragen diese jedoch die traditionellen Lebensformen: Sabah, die
Tochter trifft sich heimlich nach der Schule mit einem Jungen und
erzählt ihm, daß sie sich ihren Gatten selber aussuchen wird. Ziad,
der mittlere Sohn glaubt nicht, daß die bevorstehenden Abkommen die
Situation in den Lagern verändern und hält seinen Vater für zu
leichtgläubig. Said, der älteste Sohn sitzt im Gefängnis, mit der
Amnestie für politische Gefangene, die mit der Unterzeichnung der
Prinzipienerklärung einher geht, steigt die Chance auf seine
Entlassung. Für die Mutter ist es daher besonders dringlich eine Braut
für ihn zu finden. Bis zu einem bestimmten Grad stellt die Familie
einen Mikrokosmos der palästinensischen Gesellschaft dar, politische
Differenzen werden jedoch nur angeschnitten. Die größere Spannung und
langfristige Veränderung der Gesellschaft liegt im Konflikt der
Generationen, auch wenn die Jungen sich nicht mehr an dem Verhalten
der Eltern "abarbeiten".
Haifa ist der Narr, der allen im Lager bekannt ist und gemocht
wird. Er läuft häufig durch das Lager und schreit die Namen verlorener
palästinensischer Städte "Jaffa, Haifa, Akka! Jaffa, Haifa, Akka!" und
hält damit die kollektive Erinnerung an die Naqba, die Katastrophe der
Vertreibung aufrecht. Er symbolisiert das Bindeglied der
palästinensischen Gesellschaft.
Der Film ist eine schlichte lineare Erzählung, die sich mehr
verbaler als visueller Metaphern bedient. Der Höhepunkt des Films ist
die Übertragung der Zeremonie in Washington. An diesem Tag wird Ziad,
der älteste Sohn aus dem Gefängnis entlassen und fährt im Taxi nach
hause. Unterwegs hält eine alte Frau das Taxi an, der Fahrer fragt
sie, wohin sie wolle. "Ich weiß auch nicht wo‘s hingeht" antwortet die
Alte. "Sie wissen nicht wo sie hin wollen?", "Gott wird es schon
wissen"; das Taxi fährt weiter. Nur einmal wählt Mashrawi eine
bildliche Darstellung seiner Zweifel an den Friedensverhandlungen:
Haifa hat eine Melone in der Hand und fragt sie, wohin sie wolle, nach
Jaffa, Haifa oder Akka, als die Melone nicht antwortet rollt er sie
mit Schwung auf die Straße. Die Melone kommt vom Weg ab und zerschellt
an einer Wand.
Daß Mashrawi die Osloer Verträge nicht als Friedensgarantie sieht,
wird an diesen Beispielen deutlich. Ähnlich wie Khleifi in der
Hochzeit in Galiläa gehen die Jungen in Haifa mit ihrer
Kritik an der Vätergeneration nicht so weit, mit dieser zu brechen. Am
feiern alle gemeinsam mit einer Demonstration den Erfolg von Abu Amar,
Arafat. Der Demonstrationszug trifft auf einen Trauerzug, der die
alte, durch‘s Exil psychisch verstörte Tante Haifas zu Grabe trägt.
Daß Said und sein Vater, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl
sitzt die Demonstration verlassen und sich dem Trauerzug anschließen,
ist nicht unbedingt eine Abwendung von den Friedensbemühungen. Mit der
Tante von Haifa werden Exil und Belagerung begraben und die
Möglichkeit für eine andere, positivere Zukunft aufgezeigt.
Ebenfalls 1996 hat Elia Suleiman seinen ersten Spielfilm,
Chronik eines Verschwindens (PAL/F, 84 min), veröffentlicht.
Der Film ist das Tagebuch von E.S., der nach langjährigem,
freiwilligen Exil in seine Heimat zurückkehrt, in drei Kapiteln: Das
persönliche Tagebuch, das politische Tagebuch, das versprochene Land.
Suleiman beschreibt seinen Film wie folgt:: "Chronik eines
Verschwindens ist eine Reise auf der Suche danach, was es heißt,
PalästinenserIn zu sein. Der Film ist eine Sammlung möglicher
Wahrheiten. Er überschreitet Medien und Genres, um die verschlungenen
Grenzen zwischen Geschichtenerzählen, Historie und Autobiographie zu
untersuchen. Der Charakter E.S. ist der Filmemacher selbst. Ich habe
meine eigene Rolle gespielt. Die meisten Charaktere der Erzählung sind
Leute, NichtschauspielerInnen, die ihre eigene Geschichte spielen.
Einige Szenen sind improvisiert, um sich der Realität der Charaktere
so gut wie möglich anzunähern. Obwohl es Ton und Dialoge in dem Film
gibt, ist er aus Motiven komponiert, die dem Stummfilm und der
"Klamotte" zuzurechnen sind. [...] E.S. begibt sich in eine
soziales/politisches Labyrinth. Die Charaktere in dem Film
wandern/wundern sich durch das runde Labyrinth, in dem Versuch aus
ihrer ghettoisierten Existenz auszubrechen. Während E.S. zielloser
Streifzüge begegnen wir seiner Familie und seinen Freunden – Vater,
Mutter, Jamal, Besitzer des Andenkenladens "Das Heilige Land", dem
exzentrischen Adnan, dem Fischer und den Nachbarinnen. Die Charaktere
leben ein Leben am Rande. Eine banale, dennoch sureale Realität. Sie
tagträumen. Sie sprechen viel und sagen wenig. Sie verspotten sich
selbst, hegen Groll, vermitteln Zeit durch Entfremdung. Und wenn ihr
Schweigen Oberhand gewinnt, erzählt es von ihrer Ausdauer. E.S. erlebt
die Kluft zwischen seinem Geburtsort und sich selbst. Er beginnt sich
nach dem Sinn seiner Zugehörigkeit, seiner Rolle als Insider/Outsider
zu fragen. Er begibt sich rein und raus, zwischen Darsteller und
Beobachter, ein Vermittler und Geschichtenerzähler ohne
Geschichte...". Dabei geht es um das Verschwinden des Individuums, das
weder von der Besatzungsmacht noch von der eigenen Gesellschaft
wahrgenommen wird. Vor allem zwei Szenen im politischen Tagebuch
benutzen ironisch überzogene Bilder, um die Unsichtbarkeit E.S. für
seine Mitmenschen zu verdeutlichen. In Ostjerusalem, also dem
palästinensischen Teil der Stadt, soll er einen Vortrag über sein
neues Filmprojekt und sein künstlerisches Werk halten. Der
Veranstalter, der ihn dem Publikum vorstellt, ist über das Mikrophon
deutlich zu hören, Daß ein palästinensischer Künstler aus New York in
seine Heimat zurückkehrt, um dort zu arbeiten wird mit großem Beifall
begrüßt. Als E.S. dann seinen Vortrag beginnt, gibt es ständig
Rückkoppelungen und er ist nicht zu hören, im Saal klingeln
Mobiltelefone, ein Mann erzählt der Person am anderen Ende, daß er
sich gerade mit Freunden treffe, sie Essen gehen wollten und
verschweigt dabei E.S. In einer anderen Szene findet eine
Hausdurchsuchung der israelischen Polizei bei E.S. statt. E.S. öffnet
die Tür und führt die Polizisten durch die Wohnung. Die sehen ihn
nicht, zumindest nicht als Menschen, denn als sie später einen Bericht
über Funk abgeben, zählen sie den Mann im Pyjama gleichwertig mit
allen anderen Gegenständen im Haus auf.
Anders als Mashrawi führt Suleiman am Ende des Filmes die Personen
nicht wieder zusammen. Bilder für das versprochene Land sind eine
einsame Wüstenstraße, ein kleines eingezäuntes Schwimmbad mit einem
überlebens großen Bild von Arafat an der Wand sowie E.S. als einziger
Gast in einem neuen Restaurant. Suleiman ist Palästinenser mit einem
israelischen Paß, oder Palästinenser und Israeli oder Israeli
palästinensischer Herkunft? Das letzte Bild des Films gehört zu dem
Kapitel "The Promised Land". Zu sehen sind Suleimans schlafende
Eltern, im Fernseher läuft zum Sendeschluß, die Tikva (hebr.
Hoffnung), die israelische Nationalhymne und Fahnen wehen in
dramatischer Choreographie im Wind. Die Kritik trifft die
Besatzungsmacht wie das eigene Regime und macht deutlich, daß die
Bevölkerung nach wie vor keine Perspektive hat, ja noch nicht einmal
wahrgenommen wird.
War es in den Anfangsjahren des palästinensischen Kinos wichtig,
überhaupt Bilder über die Situation der PalästinenserInnen zu
veröffentlichen, sind es heute die unabhängige Filme, die dem Auftrag,
wie ihn die Gruppe palästinensischer Film formuliert hat
entsprechen und nicht diejenigen, die in alten Formen und Inhalten
verharren.
Auch wenn die Filme Ali, His Friends And Their Whishes von
Sobhi al-Zobeidi und Chronik eines Verschwindens von Elia
Suleiman keine Lösungen anbieten, sind sie ungeschönte
Bestandsaufnahmen und Beiträge zur Diskussion um die Ausgestaltung der
Gesellschaft. Beide überwinden den reinen Opferstatus und vor allem
Suleiman bricht mit dem Mythos der palästinensischen Einstimmigkeit.
Der letzte Tagebuchabschnitt, "The Promised Land", konfrontiert mit
den leeren Versprechungen von Arafats Regime. Es ist auch diese Leere
und die damit verbundenen Enttäuschungen, gegen die sich die
Bevölkerung in den Westbank und Gaza derzeit mit der zweiten Intifada
wehrt.